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Lehmholz: Im Schweinsgalopp zum Rodungsbeginn?

*** Update, 18. Februar, 22:15 Uhr: In seinem Satzungsbeschluss hat sich der Rat der Stadt Teublitz am späten Donnerstagabend mit einer deutlichen Mehrheit von 18 Ja- gegen lediglich 2 Nein-Stimmen für die neue Gewerbefläche mitten im Moorwaldgebiet und damit gegen den Erhalt des Klimaschutzwaldes Lehmholz ausgesprochen. In großer Einigkeit stimmten 10 Stadträt:innen der CSU, 6 der SPD und 2 der Unabhängigen Wähler dafür, dass 210.000 Quadratmeter des Moorwaldes zerstört werden sollen. Lediglich die beiden Grünen Ratsmitglieder stimmten für seinen Erhalt und gegen das Gewerbegebiet an diesem Standort. Einer der ersten Kommentare auf der Pro Wald-Facebookseite: "So schnell wird nicht aufgegeben! Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen." ***


Mit einem wahnsinnigen Tempo wollen die Verantwortlichen im Rathaus von Teublitz in der Oberpfalz die Weichen dafür stellen, dass der „Klimaschutzwald Lehmholz“ möglichst rasch für ein neues Gewerbegebiet gerodet wird. Dabei besteht das Lehmholz aus einer ganz besonderen und klimaresistenten Wald-Moorlandschaft, die nicht nur hunderte Tonnen CO2 bindet, sondern auch vielen seltenen Tieren und Pflanzen eine Heimat bietet. Bereits am heutigen Donnerstag ab 19 Uhr soll der Stadtrat das Projekt abnicken, obwohl noch viele offene Fragen ungeklärt sind. Während das Thema die breite Öffentlichkeit bislang kaum erreicht hat, laufen lokale Umweltorganisationen Sturm – darunter auch Tanja Wein von der Bürgerinitiative „Am Schwarzer Berg – schützt Wald & Wasser“, die das bedrohte Lehmholz im Waldsteckbrief vorstellt.



Wie heißt der bedrohte Wald

Klimaschutzwald Lehmholz

Wo befindet er sich?

An der A93 Ausfahrt Teublitz/Maxhütte-Haidhof im nordbayerischen Regierungsbezirk Oberpfalz.

Wie groß ist der Wald?

Insgesamt etwa 310.000 Quadratmeter, von denen 210.000 Quadratmeter gerodet werden sollen.

Um was für eine Art Wald handelt es sich?

Mischwald mit Baumarten wie Kiefer, Fichte, Schwarzerle, alte Rotbuchen, Birken und viel Jungwuchs, darunter auch Stieleiche und Erle.

Wem gehört er?

Er ist als Staatsforst im Besitz der des Freistaats Bayern. Die Stadt Teublitz möchte ihn jedoch möglichst schnell übernehmen.

Wie alt ist er, und wie ist seine Geschichte?

Es ist ein historisch alter Wald, im Baumbestand sind rund 150 Jahre alte Buchen enthalten. Der Wald ist in Karten von 1940 schon als „Lehmholz“ beschrieben. Der Name ist ein Fingerzeig auf seine feuchten Böden.

Wie ist sein aktueller Zustand, und welche Spuren haben Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit hinterlassen?

Der Wald hat die vergangenen Dürresommer sehr gut verkraftet, es gibt fast keine abgestorbenen und vertrockneten Bäume und nur sehr vereinzelt Windwurf. Der Orkan Wibke hat den Lehmholz im Februar 1990 hart getroffen, anschließend wurde er teilweise aufgeforstet. Weit nachhaltigere Schäden hatte die A93 bereits zuvor hinterlassen: 1975 begannen die Rodungen für die Trasse, ehe die Autobahn im August 1979 offiziell eröffnet wurde. Die heute angrenzenden Privatwälder waren früher teilweise feuchte Wiesen, die um 1970 aufgeforstet wurden. Diese sind durch die beabsichtigte Baumaßnahme zusätzlich gefährdet. Der bestehende Bürgerweihergraben, für den die Stadt Teublitz in ihrem Bebauungsplan einen weitläufigen Schutzstreifen vorgesehen hat, wird vom Schwarzer Berg gespeist. Der dortige Wegebau hat auch die Quelle in Mitleidenschaft gezogen, wodurch nun ohnehin schon viel weniger Wasser fließt als früher.

Was sind die Besonderheiten des Lehmholz?

Das Lehmholz enthält große Flächen an Torfmoos, sodass er einen schwarzen, moorigen Boden hat. Zusammen mit den teilweise Jahrhunderte alte Bäumen bildet der Wald daher einen enormen CO2-Speicher von mehreren hundert Tonnen. In ihm sind geschützte Tiere wie Bergmolche, Erdkröten, Waldeidechse, Grasfrösche, Fledermäuse, viele Waldschnepfen, Laufkäfer und Waldameisen heimisch. Auch Libellen, Mäusebussarde, Buntspechte, Schwarzspechte und Waldkäuze leben dort sowie viele Feuersalamander im benachbarten Naherholungsgebiet "Schwarzer Berg", das nur wenige hundert Meter entfernt liegt. Das Lehmholz ist ein bislang sehr klimaresistentes Waldstück. Seine intakte Flora und Fauna sowie eine Wasserquelle, die inmitten des Waldes entspringt, lassen darauf hoffen, dass es mit der Erderwärmung deutlich besser zurechtkommt als andere Wälder. Das gesamte Gebiet des Waldstückes bis hin zu den Eselweihern ist von Bruchwäldern, Flachmooren und Hochstaudenbeständen umgeben und bildet einen überregional bedeutsamen und schützenswerten Feuchtlebensraum.

Warum ist er aktuell bedroht?

Die Stadt Teublitz will an der Autobahnanschlussstelle Teublitz an der A93 ein Industrie- und Gewerbegebiet errichten. Das Sonderbare daran ist nicht nur, dass dies Mitten im Wald geschehen soll, sondern auch, dass das Gewerbegebiet etwa fünf Kilometer entfernt von Teublitz geplant ist und entsprechend erst infrastrukturell erschlossen werden müsste, da der Autobahnzubringer dafür nicht in Frage kommt. Zuvor müsste der Feuchtwald sowie Quellen, die diesen speisen, trockengelegt werden. Dies jedoch hätte weitreichende Auswirkungen über das geplante Baugebiet hinaus: Seen und Teiche etwa würden auch andernorts austrocken und das durch die Autobahn ohnehin beeinträchtigte Ökosystem großflächig zerstört werden.

Die Stadt Teublitz geht dabei sehr intransparent vor, statt die Bevölkerung – wie gesetzlich vorschrieben – frühzeitig zu unterrichten und zu beteiligen. Sie beruft sich darauf, dass die Bevölkerung bereits vor sechs Jahren eingebunden worden sei. Allerdings ging es damals um ein anderes Bauprojekt, das anschließend wieder in den Schubladen verschwand. Zudem hat sich das öffentliche Bewusstsein seitdem nach mehreren extremen Hitzesommern in Folge geändert. Nun will die Stadt Teublitz die großflächige Waldrodung im Hauruckverfahren – offiziell „verkürztes Verfahren“ – durchboxen. Bürgerinnen und Bürger haben dadurch deutlich weniger Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, und auch unabhängige Experten und Expertinnen müssen weniger stark eingebunden werden, um die Auswirkungen auf die Natur zu prüfen.

Was würden die geplanten baulichen Eingriffe für den Wald, die Tiere, die Natur und die Menschen bedeuten?

Die Moorlandschaft würde erst trockengelegt und dann versiegelt, also komplett zerstört werden. Dies würde das Orts- und Landschaftsbild negativ beeinträchtigen, die Landschaft würde „ihr Gesicht“ verlieren und der Erholungswert für Waldbesucher sinken. Viele seltene Tiere und Pflanzen müssten weichen und hätten in anderen Gebieten ohne Moor-Charakter kaum Überlebensmöglichkeiten. Dadurch würde sich die Biodiversitätskrise erneut verschärfen, weil der Mensch wie so oft Lebensräume zerstört. Das in den Bäumen und im Moorboden gebundene Kohlendioxid würde in die Atmosphäre freigesetzt und den Klimawandel verstärken: Moore speichern mehr CO2 als jedes andere Ökosystem der Welt. Die natürliche Be- und Entwässerung des Naherholungsgebietes "Schwarzer Berg" würde durch die Baumaßnahmen zudem massiv beeinträchtigt werden. Gewässer im Eselweihergebiet, denen die vorigen Baumaßnahmen und die niederschlagsarmen vergangenen Sommer ohnehin schwerzusetzen, würden voraussichtlich zugrunde gehen. Der Eselweiher führt bereits sogar jetzt im Winter so wenig Wasser wie nie zuvor in dieser Jahreszeit und beginnt zu verlanden. Durch die Besonderheit der Moorlandschaft sind Ausgleichsflächen an anderer Stelle kein adäquater Ersatz für das zerstörte Moorwald-Ökosystem.

Was sind die Argumente der Befürworter der baulichen Eingriffe

Die Verantwortlichen der Stadt Teublitz versprechen, dass sich viele neue Firmen ansiedeln würden und bestehende Teublitzer Firmen expandieren könnten. Davon verspricht sie sich höhere Gewerbesteuereinnahmen. Es würden zudem so viele neue Arbeitsplätze geschaffen, dass viel weniger Berufstätige etwa nach Regensburg pendeln müssten. Durch weniger Pendlerverkehr nehme der CO2- Ausstoß angeblich sogar ab.

Welche Argumente sprechen dagegen?

Der Preis für die Natur und letztlich auch für uns Menschen ist zu hoch, wenn weitere ökologisch wertvolle Flächen zerstört werden. Das CO2-Argument ist angesichts der enormen Menge der Treibgase, die durch die Trockenlegung der Moore frei würden, nicht nachvollziehbar. Zudem wird die Biodiversitätskrise durch die Flächenversiegelung erneut verschärft. Die Erstaufforstung eines Waldes zum Ausgleich an anderer Stelle kann – entgegen den Erklärungen der Stadt Teublitz – niemals einen adäquaten Ersatz für den Klimaschutz, die Biodiversität und die Trinkwasserversorgung darstellen. Diese Naturzerstörung geht einher mit unkalkulierbar hohen Bau- und Erschließungskosten, zumal das etwa fünf Kilometer von Teublitz entfernte Gebiet zunächst sehr aufwändig trockengelegt werden müsste. Die Erschließung muss entlang eines Autobahnzubringers erfolgen und unter der Bahnlinie Hof/Regensburg und zusätzlich auch unter der Autobahn A93 hindurchgeführt werden. Wie viele Arbeitsplätze tatsächlich geschaffen werden können, ist zudem reine Spekulation. Und es ist nicht auszuschließen, dass auch der städtische Brunnen der Stadt Maxhütte davon beeinträchtigt wird.

Welche Kompromisslösungen gibt es?

Die Stadt Teublitz zeigt keinerlei Interesse an alternativen Standorten für das neue Gewerbegebiet. So stehen etwa auf interkommunaler Ebene im Städtedreieck Burglengenfeld, Maxhütte-Haidhof und Teublitz einige Firmenflächen leer: Das Gebiet um die Bäckerfelder käme ebenso in Frage wie der Bereich um Läpple. Der Standort Lehmholz erscheint für Teublitz allerdings vorteilhaft, da dieser so weit von städtischer Wohnbebauung entfernt ist, dass die Auswirkungen des erhöhten Verkehrsaufkommens wie Lärm und Schadstoffausstoß in Teublitz selbst kaum wahrgenommen würden.

Wie ist der Stand der Planungen?

Schon am heutigen Donnerstag, 18. Februar, soll im Teublitzer Stadtrat ab 19 Uhr der Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan erfolgen, obwohl noch immer erhebliche Wissens- und Planungsdefizite hinsichtlich des Arten- und Naturschutzes, vor allem aber auch des Wasserhaushaltes bzw. der Hydrogeologie bestehen. Als weitere Schritte müsste der Wald von den Bayerischen Staatsforsten übernommen und Tausch- und Ausgleichsflächen ausgewiesen werden. Wir hoffen, dass der Bayerische Landtag dem Verkauf bzw. Tausch daher nicht zustimmen wird. Rein theoretisch könnten die ersten Rodung jedoch schon ab Oktober dieses Jahres erfolgen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, die drohenden Rodungen noch zu verhindern?

Wir wollen prüfen, ob Formfehler bei der Planung begangen wurden, gegen die eine Klage möglich ist. Zunächst wollen wir jedoch auf politischer Ebene Überzeugungsarbeit leisten, damit spätestens die Staatsregierung in München das Vorhaben stoppt, indem sie den Staatswald nicht an die Stadt Teublitz überschreibt. Derzeit läuft eine Petition im Landtag, und wir haben alle Abgeordneten sowie sämtliche Ministerien angeschrieben.

Mit welche Mitteln können unsere Leserinnen und Leser Sie unterstützen?

Alle Leserinnen und Leser können uns unterstützen, indem sie die Beiträge auf Facebook und Instagram teilen und verbreiten und ihrem Umfeld vom bedrohten Lehmholz berichtet. Durch eine möglichst große Reichweite wollen wir die überregionale Presse sowie Radio- und Fernsehsender auf das aufmerksam machen, was hier bislang still und heimlich passiert. Die Bevölkerung vor Ort bitten wir zusätzlich darum, uns etwa bei Demonstrationen oder Menschenketten zu unterstützen.


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